Warum Improtheater spielen?


Der grundsätzliche Unterschied zum traditionellen Theater ist ganz einfach der, dass Improvisationstheater sehr viel persönlicher ist. Wenn du Hamlet spielst, dann bist du auf der Bühne Hamlet und alles was du tust und sagst ist Hamlet und entstammt Shakespeare und deinem eigenen künstlerischen Genie. Wenn du aber auf der Bühne stehst und aus dem Nichts heraus irgendetwas „schauspielern" sollst, dann weißt du und dann wissen die Zuschauer ganz genau, dass alles, was du sagst und tust aus deinem eigenen Gehirn entstammen MUSS. Wenn dir also Schimpfwörter entschlüpfen, weiß jeder, dass dieses schmutzige Wort in deinem Kopf rumgeschwirrt ist und dass kein Autor es dir in den Mund gelegt hat. Das ist gruselig. Und unglaublich befreiend. Wenn man einmal das Gefühl hatte, auf der Bühne wirklich zu leben und frei zu sein, man selbst zu sein, dann wirkt das echte Leben verwaschen und „gespielt" dagegen.

Niemand, der Improtheater auf diese Weise erklärt bekommt, möchte es freiwillig spielen. Ich weiß nicht, wie man es schaffen kann, diese Angst zu überwinden. Wenn man sich ständig vor Augen hält, wie man dasteht, was andere über einen denken, was für einen Eindruck man hinterlässt, wie man sich am besten präsentiert, dann ist man in einem rein nach außen projizierten Selbstbild gefangen und hat kaum die Möglichkeit, nach innen zu reflektieren. Wie will ich eigentlich sein und wie fühle ich mich wohl? Ich musste mich diesen Ängsten zunächst gar nicht stellen, da ich in einer Gruppe von blutigen Anfängern das Improtheaterhandwerk gelernt habe und zunächst keinerlei Bühnenauftritte geplant waren. Irgendwann wollten wir wissen, was Freunde von uns wohl denken würden, wenn sie uns so Schauspielen sehen würden. Ehe ich es mich versah stand ich regelmäßig auf der Bühne und habe es genossen.

Das Improtheater hat mich verändert. Ich bin selbstbewusster geworden und habe gelernt, meine Gefühle aus mir rauszulassen. Ich kann mich ausdrücken, meine Wünsche, Träume und Ängste äußern, ohne in der ständigen Angst zu leben, dafür beurteilt zu werden. Ich habe viel über mich gelernt. Darüber, was ich gerne tue, was ich gut kann, was mir gut tut und wer mir gut tut. Solche Selbsterkenntnis kann gefährlich sein. Ich stelle jetzt mein persönliches Glück und Wohlbefinden über Karriere und Geld. Das bedeutet Veränderung und das bedeutet Konflikt mit dem bisherigen Lebensumfeld. Aber ich kann die Erfahrungen, die ich gemacht habe, nicht rückgängig machen. Und ich will es auch nicht. Ich bin glücklich.

Was würde ich denen empfehlen, die sich genau diese Erfahrungen mit dem Improtheater wünschen, sich das aber nicht zutrauen? Solche, die Improshows sehen oder bei einem Training vorbeischauen und sich denken: „So gut bin ich doch sowieso nicht. Mich will keiner auf der Bühne sehen. Ich würde mich nur blamieren." Ich kann euch beruhigen. Niemand, den ich kenne, ist zu seiner ersten Improprobe gegangen und hat ausschließlich (oder überhaupt) großartige und bühnenreife Szenen abgeliefert. Niemand wurde nach einer einzigen Probe auf die Bühne geschickt – oder überhaupt gegen seinen Willen dazu gebracht. Noch nie wurde ein Schauspieler bei einer Improshow, die ich gesehen habe, ausgelacht, ausgebuht oder belästert. Auch nicht und schon gar nicht bei einer Probe. Einer der größten Vorteile an der persönlichen Beziehung zwischen Improschauspieler und Publikum ist der, dass das Publikum den Schauspielern große Sympathie entgegenbringt. Wenn es so einfach wäre und von euch erwartet werden würde, dass ihr das sofort könnt, dann wäre ja jeder Improschauspieler. Aber wenn man sich darauf einlässt und sowohl Geduld als auch Mut zum Scheitern mitbringt, dann kann jeder Improschauspieler werden.

Sabine Wolf
Improtheater Skuub, Bielefeld
Original erschienen auf http://skuub.weebly.com/blog/warum-improtheater