Charmanter Umgang mit Störungen

Fast jeder, der mit einer Rede, einem Vortrag, einer Präsentation auftritt, hat Angst vor Störungen. Doch jede Unterbrechung des Programmflusses birgt auch immer die Chance für Interaktionen mit dem Publikum. Dieser Beitrag beschäftigt sich mit provozierten und unprovozierten Publikumsreaktionen und mit geplanten Störungen, aus denen sich oft ein vollständiges Programm improvisieren lässt. Die Techniken werden anhand von Anekdoten erklärt und mit Hilfe verschiedener Tipps trainiert. Am Ende stehen einfach anwendbare Lösungsblöcke, die Sie auf Präsentations- oder Bühnensituationen anpassen können.

Total spontan – Ich liebe Störungen

Ich stehe auf der Bühne. Alles ist perfekt vorbereitet und das Publikum hängt an meinen Lippen. Ich bin witzig, charmant und auch ein bisschen sexy. Meine Powerpointpräsentation funktioniert und die Zuschauer lachen an den richtigen Stellen. Doch dann passiert es auf einmal: eine Störung, ein Zwischenfall, mit dem niemand rechnen konnte. Einer meiner Zuhörer reagiert nicht so, wie in meinem Kopf vorgesehen. Er wirft meinen Plan über den Haufen. Ein einzelner Kretin versucht mich, den Präsentationsgott aus dem Konzept zu bringen. Er stellt eine Zwischenfrage, kommt zu spät, geht zu früh, telefoniert, redet mit seinem Nachbarn, knutscht oder benimmt sich einfach nicht so, wie er soll. Das ist ein Gau, ein Supergau, ein Gau-Gau, wie man in der Speaker-Szene zu sagen pflegt.

Ich liebe Störungen oder Unterbrechungen! Für mich sind genau sie das Salz in der Suppe einer guten Präsentation. Denn sie eröffnen mir ungeahnte Möglichkeiten zur Interaktion mit meinem Publikum.

Stellt sich nur die Frage, wie ich aus dieser Situation jetzt wieder heraus komme. Alle im Raum schauen mich an. Sie erwarten einen guten Konter, einen Satz, der sitzt und danach herrscht Ruhe im Karton. Ich habe einmal in einem Präsentationsratgeber folgenden Satz gelesen: „Anspannung lässt sich in Präsentationssituationen am besten durch Lachen auflösen, mit einem lockerem Spruch, der witzig und eloquent erscheint.“

Echte Störung oder nur Nebensache?

Die erste Frage, die ich mir bei jeder “vermeintlichen” Störung stelle, ist immer: Handelt es sich um eine echte Störung oder stört sie nur mich? Denn 95% aller Störungen sind keine bühnenrelevanten Beeinträchtigungen. Oft bekommt das Publikum überhaupt nichts davon mit.

Ich habe einmal ein Event für einen großen Energieanbieter moderiert. Ungefähr 1000 Gäste saßen im Publikum und meine Auftaktmoderation dauerte circa 45 Minuten. In der ersten Reihe blickten mich 200 Augen gespannt an. Es lief gut. Die Stimmung war gelöst. Ich hatte den Laden im Griff, wie man so schön sagt.

Nur ganz vorne links quatschten unaufhörlich zwei Männer miteinander – von meiner Anmoderation bis zu meiner ersten Pause. Ich hatte sie immer aus dem Augenwinkel im Blick, schaute sie aber nie direkt an. Die Situation nervte mich kolossal und ich musste große Teile meines Moderationsarbeitsspeichers darauf verwenden, die beiden Herren zu ignorieren. Keinen der anderen 1000 Gäste im Raum schienen sie aber zu stören.

Während ich weiter moderierte ging ich in meinem Kopf alle möglichen Optionen durch, um diese Störung für mich zielorientiert zu lösen. Spreche ich die Situation direkt an? Schaue ich die beiden an, gebe ihnen einen Fokus und schweige? Kommentiere ich die Situation? Ignoriere ich die Störung einfach? Da die beiden niemanden außer mir zu stören schienen, entschied ich mich für die letzte Option. Ich ignorierte sie bis zu meiner ersten längeren Unterbrechung.

In dieser Pause stürmte ich genervt in den Backstage-Bereich und traf meine damalige Produktionsleiterin, die mich freudestrahlend empfing und meinte: “Läuft doch super bis jetzt”. Ich guckte Sie mit großen Augen an und berichtete leicht angestrengt von den zwei Störern aus der ersten Reihe. Meine Produktionsleiterin blickte mich nur an und sagte: „Oh Ralf, das tut mir leid. Wir haben vergessen, dir zu sagen, dass der Geschäftsführer aus England mit seinem Dolmetscher in der ersten Reihe sitzt. Er übersetzt einfach nur alles, was du sagst“. Die vermeintliche Störung löste sich also sofort in Luft auf und ich konnte die Moderation entspannt fortsetzen. Meine Moderationsfestplatte war wieder frei für echte Störungen.

Dieses Erlebnis wurde für mich zu einem Schlüsselerlebnis im Bezug auf Störungen. Denn seither stelle ich mir zunächst die Frage, ob diese Störung nur mich stört. Wenn es dem Publikum gar nicht auffällt, dass jemand zu spät kommt oder kurz mit seinem Nachbarn redet, dann hat es mich auch nicht zu stören. Dann registriere ich die Ablenkung zwar, ignoriere sie aber.

Analyse einer Störung

Ich verwende vier verschiedene Methoden, um auf eine Störung zu reagieren. Bei zweien reagieren Sie passiv und bei den anderen beiden gehen Sie in die aktive Reaktion. Starten wir zunächst mit den passiven Methoden.

1. Ignorieren der Störung

Ich habe Ihnen bereits ein Bespiel für das Ignorieren genannt, meine Moderation für den großen Energieanbieter. Die wichtigste Regel beim Ignorieren lautet: Stört das Ereignis nur mich, dann ignorieren, stört es auch andere, dann reagieren.

2. Anerkennen der Störung

Gehen wir einmal von dem Fall aus, dass Gäste zur Ihrer Präsentation zu spät kommen oder früher gehen müssen. Dann sollten Sie diese Störung tolerieren. Tolerieren bedeutet hier: Ich finde diese Störung zwar nicht toll, das steckt ja bereits im Wort, rege mich aber auch nicht darüber auf. Ich kommentiere sie regungslos.

Ein weiteres Beispiel aus meinem Moderationsschatz der letzten Jahre: Ich moderiere seit vielen Jahren für einen Lebensmittelkonzern Kochshows auf Gastronomiemessen. Unsere Gäste sitzen zum Teil direkt vor der Bühne auf circa zehn Barhockern oder stehen dicht gedrängt dahinter. Manchmal kommt es vor, dass Sitzplatz-Gäste vorzeitig die 15-minütige Show verlassen. Somit haben wir plötzlich leere Plätze in der ersten Reihe, die dann spontan nicht aufgefüllt und neu besetzt werden. Ich toleriere das Verhalten der Gäste und bitte andere Gäste, diese neuen freien Plätze einzunehmen. Ich nehme die vermeintliche Störung wahr, lasse mich aber nicht aus dem Konzept bringen.

Einen ähnlichen Fall einer offensichtlichen Störung habe ich einmal bei einer Moderation für eine große IT Firma erlebt. Der amerikanische CEO hielt gerade eine Rede vor über 700 Kunden, als auf einmal im kompletten Saal das Licht anging. Der CEO machte ungerührt weiter. Als nach einer Minute immer noch die ganze Location hell erleuchtet war, kommentierte er das folgendermaßen: “Is someone leaning at the switch panel?”, sinngemäß übersetzt: „Lehnt jemand an den Lichtschaltern?“ Das Ergebnis: Großes Gelächter im ganzen Saal. Was hatte der schlagfertige amerikanische CEO gemacht? Er tolerierte die Situation und kommentierte, ohne jemanden dabei persönlich anzugreifen.

Kommen wir nun zu den aktiven Störungen, auf die ich reagieren kann oder möchte. Es gibt Störungen, die unmöglich zu ignorieren sind oder Störungen, die perfekt ins Programm passen, die man integriert oder bei denen man in die Konfrontation geht. Wieder gibt es zwei Möglichkeiten: Integrieren oder Konfrontieren.

3. Einbinden der Störung

Ich halte das Verbinden oder Integrieren gegenüber dem Konfrontieren für die deutlich bessere Variante. In die Konfrontation würde ich nur bei einer massiven negativen Störung gehen. Dazu ein paar Tipps aus der Sicht eines TV Warm-Uppers, Improtheater-Schauspielers und Comedian.

Zwischen 2003 und 2008 habe ich so genannte Warm-Upps für das Fernsehen gemacht. Der Spiegel nannte diesen Job einmal Kindergärtner fürs Publikum. Warm-Upper sind für die Stimmung im Fernsehstudio zuständig. Denn Zuschauer, vor allem die deutschen, klatschen nicht von alleine, geschweige denn, dass sie von selbst  die angeregte Stimmung erzeugen, die sich Redakteure wünschen. Sie haben meist Respekt vor dem Studio, dem vermeintlichen Moderatorenstar oder vor den Gästen der Sendung. Meine Aufgabe als Warm-Upper war es zum einen, die Studiogäste auf Betriebstemperatur zu bringen und zum anderen, bei Zwischenfällen und technischen Pannen – es gab viele Zwischenfälle und technische Pannen – weiterhin für gute Stimmung zu sorgen. Ich hatte immer ein klares Konzept, doch es kam jedes Mal anders. Bei meiner Reaktion hielt ich mich dabei immer an den Satz der Psychologin und Begründerin der Themenzentrierten Interaktion, Ruth Cohn: „Jeder Plan muss falsch sein, da nie alle Faktoren bekannt sein können.“

Genauso kann es uns ergehen, wenn wir präsentieren, Vorträge halten oder auf der Bühne stehen. Wir malen uns aus, wie es klappen könnte. Wir planen. Aber es läuft manchmal eben doch anders. Für so einen Fall habe ich Ihnen ein paar Grundregeln oder Erfahrungen aus meiner Zeit als Warmupper aufgeschrieben.

Bei Sendungen, die aufgezeichnet wurden, gab es oft Abbrüche, d. h. die Sendung wurde aus verschiedenen Gründen gestoppt. In so einem Augenblick verließen meist der Moderator und die Gäste das Aufnahmestudio, die Kameraleute und Techniker stellten ihren Dienst ein und ich musste für das Publikum überbrücken. Oft wusste ich nicht, wie lange die Unterbrechung dauerte. Das konnten drei oder auch 45 Minuten sein. Meine Aufgabe war es dann, das Publikum bei Laune zu halten, die vermeintliche Störung zu erklären und mögliche negative Stimmungen aufzufangen.

Erinnern Sie sich an den Torfall von Madrid? 1998 beim Champions League Spiel zwischen Real Madrid und Borussia Dortmund fiel eine Minute vor Anpfiff ein Tor um. Marcel Reif und Günther Jauch waren die Kommentatoren der Übertragung und mussten, ähnlich wie beim Warm-Up, einen unbestimmten Zeitraum überbrücken. Der unbestimmte Zeitraum dauerte am Ende 76 Minuten. Marcel Reif stellte später in einem Interview fest: „Günther Jauch rettete mich vor dem medialen Selbstmord.“ Später war es ein Abend voller Anarchie. Denn normalerweise sind Champions League Spiele genauso perfekt durchgeplant wie Ihre Präsentationen.

Hier ein paar Tipps, um Sie vor dem medialen Selbstmord oder dem Freitod auf der Bühne zu retten. Schließlich haben Sie eher selten bei Präsentationen einen so schlagfertigen Kollegen wie Günther Jauch an Ihrer Seite.

Der innere Monolog ist eine Grundtechnik, mit der ich immer gearbeitet habe. Ich beschrieb genau, was im Augenblick geschieht. Wenn zum Beispiel eine durchgebrannte Studiolampe repariert werden musste, begann ich, einen inneren Monolog über die Situation zu führen, inklusive eines Stimmungsbilds. Natürlich hielt ich diesen Monolog laut, so als ob ich Selbstgespräche führte. Ich beschrieb alles genau, wie bei einem Gemälde. Wie die Techniker kommen und sich fühlen, wie sich die durchgebrannte Lampe jetzt fühlt, ... . Dabei ließ ich mich von meinen Gefühlen in dieser konkreten Situation und von meinen Assoziationen treiben. Meistens kam es dann ziemlich schnell zu Lachern im Publikum. Mit diesen Reaktionen konnte ich dann sofort weiterarbeiten.

Für die Bühne, für Ihre Präsentationssituation, wenn zum Beispiel der Beamer ausfällt, ist mein Tipp: Betrachten Sie sich aus der Vogelperspektive und beschreiben Sie die Situation, wie sie sich gerade fühlen. Sie sind jetzt der Loser. Alles so toll geplant und dann funktioniert der Beamer nicht. Versetzen Sie sich in die Rolle eines Zuschauers und wenn Sie es ganz abgefahren mögen, versetzen Sie sich in die Rolle des Beamers. Fragen Sie sich, wie geht es dem Beamer wohl gerade? „Ich kann die Lampe verstehen, dass sie ihren Geist aufgibt. So toll ist meine Präsentation wirklich nicht …“. Beschreiben Sie die Störung aus Ihrer Perspektive. Das nennt sich Perspektivwechsel und bringt viel Lachen und Spaß in Ihre Präsentation. Und die Zuschauer merken, wie spontan Sie sind.

Der Tipp des Warmuppers heißt also: Integrieren Sie die Störung mit Hilfe eines inneren Monologs.

Impro-Spieler können alles, außer Text lernen. Deshalb gehen sie folgendermaßen mit Störungen um: Es gibt eine Übung, die ich manchmal bei Storytelling Workshops mit meinen Teilnehmern mache. Sie stehen vorne am Bühnenrand und bewegen sich, während sie eine improvisierte Geschichte erzählen, nach hinten. Auf dem Boden liegen verschiedene Gegenstände oder ich habe unterschiedliche Wörter auf Zettel geschrieben. Die Aufgabe lautet, die auf dem Boden liegende Gegenstände in die Geschichte zu integrieren. Wenn ich diese Übung erkläre, ist die typische Reaktion: „Das kann ich nicht, improvisieren und dann auch noch unerwartete Begriffe einbauen.“ Sobald meine Teilnehmer es dann ausprobieren, flutscht es und sie ernten viel Applaus und Gelächter im Publikum. Die Leute sind begeistert darüber, wie kreativ die Spieler doch die verschiedenen vorgegebenen Wörter in die Geschichte einbauen.

Machen Sie es genauso bei Ihrem Vortrag. Sobald es Störungen oder Zwischenrufe gibt, bauen Sie diese in Ihre Geschichte ein. Ein typischer “Impro-Zwischenfall“ wäre ein aufgedrehtes Publikum, das auch während der Szenen weiterhin Vorschläge dazwischenruft. Ich baue diese Vorschläge sofort in die Szene ein. Wenn das dann doch einmal  zu anstrengend wird, dann kommentiere ich mit dem Satz: “Heute höre ich permanent Stimmen in meinem Kopf”. Die typische Reaktion darauf ist Lachen und danach herrscht meist Ruhe.

Der Tipp des ImproSpielers  laute also: Integrieren Sie die Störung, in dem Sie sie aktiv in Ihren Vortrag einbauen.

4. Konfrontieren des Störers

Die Devise eines Comedians könnte lauten: „Bitte stör mich, ich bin ein Comedian.“ Das größte Geschenk, das Sie ihm machen können, ist es, während seines Auftritts irgendwie außergewöhnlich zu reagieren. Gehen Sie auf die Toilette, lachen Sie zu laut, kommen Sie zu spät, gehen Sie zu früh, bekommen Sie einen Anruf. Wenn ich im Comedy-Störungsmodus bin, sind mir Freund und Feind egal. Hauptsache die Pointe sitzt und die Lacher stimmen. Dann verkaufe ich für einem Gag sogar meine Mutter. Ich kommentiere alles süffisant. Oft ziele ich dabei in Richtung der Gürtellinie. Im Comedy-Störungsmodus bekommen Sie am schnellsten und effektivsten Lacher, können aber auch Ihr Publikum am meistens verletzen. Sie bedienen sich der Opferkomik. Ganz nach dem Motto. Einer leidet, 99 lachen.

Ein Tipp des Comedians heißt also: Konfrontieren Sie den Störer und denken Sie daran: Sie sind lauter!

Eine andere Möglichkeit, mit Störungen umzugehen, ist es einen Running Gag zu installieren. Die Methodik des Running Gags kann ich Ihnen anhand der Asterix und Obelix Bücher erklären. Kennen Sie dort die Piraten, die in jedem Band vorkommen? In jeder Folge versenken Asterix und Obelix das Piratenschiff, egal, ob es gerade auf See fährt, im Hafen liegt oder sich an einem anderen ungewöhnlichem Ort befindet. Jeder regelmäßige Zuschauer kennt das, freut sich auf eine neue Versenkung und fragt sich, was den Zeichnern und Textern dieses Mal wohl wieder eingefallen ist.

Als Moderator und Impro-Spieler arbeite ich gerne bei Präsentationen und Störungen mit Running Gags. Ich nenne das auch Anker werfen. Kommt zum Beispiel der Zwischenruf eines Zuschauers, folgt ein kurzer Kommentar von meiner Seite, der im besten Fall vom Publikum mit einem Lacher quittiert wird. Erster Gag installiert. Ich personalisiere den Zuschauer mit seiner Störung oder seiner Frage: „Aha, die Dame oder der Herr, der sich mit dem Thema xy auseinandersetzt.“ Ich bilde mit ihm eine Kleingruppe, suche mir einen Verbündeten. Falls es später zu der nächsten Störung kommt, dann kann ich wieder auf meinen Verbündeten zurückgreifen und ihn und Rat fragen. Oder ich lasse diese beiden eine Kleingruppe bilden, indem ich sie connecte, z. B. mit dem Satz: „Aha, heute ist anscheinend das Treffen der anonymen Zwischenrufer.“

Ausprobieren geht über Studieren

Einen letzten Tipp habe ich an dieser Stelle noch für Sie: Probieren Sie einfach alles einmal aus – von der sensiblen Warm-Upper-Lösung bis hin zur Hau-Drauf-Methode der Comedians. Dabei wünsche ich Ihnen viel Spaß!

Mit freundlicher Genehmigung aus:

Sabine Asgodom (Hrsg.): Die besten Ideen für mehr Humor. Erfolgreiche Speaker verraten ihre besten Konzepte und geben Impulse für die Praxis. Offenbach: GABAL, 2013

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